Ein Multikünstler und Unruhegeist

AUSSTELLUNG: 47 Gemälde, Zeichnungen und Grafiken von Fritz Graßhoff sind derzeit in der Zwingenberger
Remise zu sehen / Weitere Veranstaltung geplant

ARCHIV-ARTIKEL VOM MITTWOCH, DEN 07.08.2013
Von der BA-Mitarbeiterin Gerlinde Scharf

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ZWINGENBERG. Mit den Worten, „Das alles ist Graßhoff“, lieferte Bürgermeister a. D. Peter Stajkoski eine
treffende Kurzbeschreibung des umfassenden Werks des zu Lebzeiten unangepassten Allroundkünstlers. 100
Jahre alt wäre Fritz Graßhoff in diesem Jahr geworden. 1997 ist der Multikünstler und Unruhegeist in seiner
Wahlheimat Kanada 83-jährig verstorben.

In Zwingenberg hat er am längsten gelebt, nämlich genau 16 Jahre: von 1967 bis zu seiner Auswanderung
1983. In seiner kleinen Villa unterhalb des Melibokus ist nicht nur sein bekanntester Roman, das literarische
Meisterwerk „Der blaue Heinrich“ entstanden, in seinem Dachatelier in der Orbisstraße hat er beispielsweise
auch die „Große Halunkenpostille“ neu aufgelegt, seine berühmten, dreidimensionalen Sternbilder und
Karikaturminiaturen wie die des „Opa Knacke“ gefertigt – und viel geschrieben. Meist auf grünem Papier, weil
es die Augen entlastete. Als es ihm im Städtchen zu eng und zu laut wurde, als ihn die Rasenmäher der
benachbarten Gärten zu stören begannen, ist er gegangen – weit weg an den Ottawa-River.

Aus Berlin an die Bergstraße

Zu Ehren des prominenten Bürgers lädt der Förderkreis Kunst und Kultur gemeinsam mit der Stadt
Zwingenberg zu einer dreiteiligen Veranstaltungsreihe ein. Den Auftakt bildet die Ausstellung in der Remise
des Alten Amtsgerichts mit Gemälden, Zeichnungen und Grafiken von Fritz Graßhoff. Bürgermeister Dr.
Holger Habich und sein Vorgänger und Vereinsvorsitzender Dieter Kullack eröffneten die gut besuchte
Ausstellung, die gleichzeitig eine Art Retrospektive darstellt, aber tatsächlich „nur einen kleinen Ausschnitt des
Graßhoff’schen Werks zeigt“.
Habich dankte dem Förderkreis Kunst und Kultur, namentlich Katharina Ziemann, die mit dem Wahl-
Zwingenberger und seiner Ehefrau Roswitha befreundet war und Bilder aus ihrem Privatbesitz zur Verfügung
stellte, und der Künstlerin Ulrike Fried-Heufel sowie Bettina Sumalowitsch für deren Unterstützung. Neben
Kullack waren zwei weitere Ex-Bürgermeister von Zwingenberg gekommen: Kurt Knapp als interessierter Gast
und Peter Stajkoski. Letzterer hatte Graßhoff während seiner Zwingenberger Zeit kennen- und schätzen
gelernt.

Stajkoski, der mittlerweile in der Nähe von Berlin wohnt und dort als Künstler tätig ist, hat ein Großteil der
ausgestellten Arbeiten, die sich in seinem Besitz befinden, in mehreren Alukisten an die Bergstraße gebracht.
Ein Willkommen Habichs galt auch dem Ehepaar Schäfer. Die junge, fünfköpfige Familie ist vor vier Jahren in
das ehemalige Haus von Graßhoff eingezogen. „Uns war zunächst nicht bewusst, welch eine Berühmtheit hier
gewohnt und gewirkt hat“, zeigte sich das Ehepaar bei der Vernissage überrascht und beeindruckt von der
Vielseitigkeit des Künstlers. Es überlegt derzeit, eins der Bilder von Graßhoff zu kaufen, um es am Ort seines
Wirkens zur Geltung kommen zu lassen.
Eines wird dem Betrachter der 47 Gemälde, Zeichnungen und Grafiken des hochtalentierten Enfant terrible
der Kunstszene auf Anhieb klar: In eine Schublade lässt sich Fritz Graßhoff nicht stecken. Er hat unzählige
Techniken ausprobiert und beherrscht: „Er hat sie gekonnt.“ Er war neugierig, experimentierfreudig, und „er
war ein Brunnen, der aus vielen Quellen gespeist wurde und ein Brunnen mit vielen Speichern“ – Zitate
Stajkoski.

Kein einfacher Mensch

Peter Stajkoski streifte in seiner kurzweiligen Laudatio den Lebensweg des Freundes, der schon als Junge mit
zwölf Jahren zu malen begonnen und später eine Lehre als Kirchenmaler absolviert hatte. Dass Graßhoff kein
einfacher Mensch war, der sich „auch viele Feinde gemacht und gerne jemand vors Schienbein getreten hat“,
verschwieg Stajkoski nicht.
In Graßhoffs Zwingenberger Schaffensphase sind viele Illustrationen entstanden. „Er hat alles gezeichnet, was
man als lebendig bezeichnen kann, auch Ganoven, Huren und Moritatenbilder.“ Sie sind in der Remise
ebenso zu sehen, wie seine Teppich- und seriellen Bilder, seine schnellen Tuschzeichnungen und Monotypien.
Graßhoff hat „eigentlich nie feine Pinsel benutzt“. Er liebte es mit einer kräftigen Bürste, mit Zahnbürsten und
Tinte zu arbeiten oder Figuren mit Rasierklingen auf schwarz eingefärbte Flächen zu ritzen. Stajkoski selbst
hat dem Freund „Tausende von Rasierklingen nach Kanada geschickt“, wie er erzählt.

In der Ausstellung zu sehen sind auch die drei Bilder, die sich im Besitz der Stadt Zwingenberg befinden.
Eines davon hängt im Büro von Bürgermeister Dr. Habich. Ein weiteres Werk wird demnächst im
Heimatmuseum in der historischen Scheuergasse zu sehen sein. Ex-Bürgermeister Stajkoski hat dem
Geschichtsverein ein Druck von Fritz Graßhoff geschenkt.

„In Celle und in Quedlinburg, der Geburtsstadt Graßhoffs, gibt es Straßen, die an den vielseitigen Künstler
erinnern. Und was gibt es in Zwingenberg?“. Vielleicht demnächst auch ein Platz oder eine Gasse, die an den
bekannten Literaten, Maler und Schlagertexter erinnern?. „Er war immer ein bisschen satirisch und sehr
drastisch“, beschrieb Stajkoski den Freund ganz ohne Scheuklappen.

© Bergsträßer Anzeiger, Mittwoch, 07.08.2013
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